Ein Haus mit Jagdrecht auf den Silbervogel

Amtsrichter Günter Busche ist auch Reihenstellenbesitzer in Dolgen

Das aus gelben Klinkern im Reichsformat errichtete ehemalige Wohn- und Geschäftshaus am Kapellenberg Nr. 4 ist das einzige neben der rund 300 Jahre alten St.-Margarethen-Kapelle, das in Dolgen unter Denkmalschutz steht. Auch heute noch ist es ein das Ortsbild prägender Mittelpunkt, obwohl es im Dorf noch weitere markante Häuser und Höfe gibt, wie zum Beispiel den Stullehof. Erbaut wurde das Klinkerhaus Anno 1883 im sogenannten historischen Stil vom Maurermeister Fricke aus Groß Lobke im Auftrag von Heinrich Wilhelm Schlüter und Ehefrau Elise, die das Grundstück von Heinrich Rose, einem kinderlosen Verwandten, geerbt hatten. Von Heinrich Rose weiß man zu berichten, dass er ein steinreicher Mann gewesen sei. Alljährlich zum Jahreswechsel sei er auf den Boden seines Hauses gegangen, hätte eine eisenbeschlagene Truhe geöffnet und bei Kerzenlicht seine Ersparnisse gezählt. Seine Erben hätten die Schatztruhe nicht tragen können. Bis oben hin sei sie mit Goldstücken gefüllt gewesen.

Sehtnde Richterhaus

Im sogenannten historischen Stil erbaut ist dieses markante Klinkerhaus, das Maurermeister Fricke im Auftrage der Schlüters vor 120 Jahre errichtete. Es steht unter Denkmalschutz.

Obwohl die Schlüters eigentlich Bauern waren, hatten sie mit der Landwirtschaft nicht mehr allzu viel im Sinn. Sie hatten ihr neues Haus so geplant, dass im Erdgeschoss ein Kolonialwarenladen und eine Gastwirtschaft Platz fanden. Ihre Wohnung verlegten sie ins Obergeschoss, während die nächste Etage mehr oder weniger als Bodenraum genutzt wurde. Noch heute ziert das Wappen des DolgenGroßen Freien die Hausfront und erinnert zugleich an die Gastwirtschaft gleichen Namens, in der die Bauern des Dorfes sich einst zum gemütlichen Snack trafen, Hochzeiten feierten und Vereine ihre Treffen abhielten.

Der Name Schlüter ging „verloren“, als der Hoferbe Heinrich Wilhelm Schlüter aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zurück kam und seine Tochter Lieselotte den in Lehrte beheimateten Eisenbahnersohn Karl Busche geheiratet hatte. Die Busches führten den elterlichen Betrieb wie gehabt weiter, da Ackerland auf dem Schlüterschen Reihenstellenhof, der im Brandkataster die Nummer 2 trägt und zu den vier sogenannten Kegelhöfen des Dorfes zählte, keine Rolle mehr spielte. Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden die Türen der Gastwirtschaft und des Kolonialwarenladens für immer geschlossen, da die Eheleute keinen Nachfolger fanden.

Heute ist Günter Busche Eigentümer des Klinkerhauses, der sich mit seiner Zwillingsschwester das Erbe geteilt hat und als wohl bestallter Amtsrichter jetzt in Lehrte wohnt. Er hat das 120 Jahre alte Haus von Grund auf sanieren lassen und zwei zeitgemäß Günter Buscheausgestattete Wohnungen eingerichtet, die beide jeweils 150 qm Wohnfläche bieten. Die Mieter freut’s, zumal ihnen darüber hinaus ein ebenso großer Boden und ein noch viel größerer Garten zur Verfügung stehen.

Amtsrichter Günter Busche (links) ist stolz auf sein Erbe, das ihn als Reihenstellerbesitzer berechtigt, auf den Dolgener Silbervogel zu schießen.

Natürlich besucht Amtsrichter Busche immer wieder sein Elternhaus und plaudert mit alten Schulfreunden, zumal er durch sein Erbe auch zum Reihenstellenbesitzer geworden ist. Dadurch hat er das Recht, auf den Silbervogel zu schießen, den Christian Ludwig von Celle, Herzog des Lüneburger Landes, 1652 seinen Bauern in Dolgen gestiftet hatte. Ein Privileg, dass ausschließlich Reihenstellenbesitzern zusteht, bzw. deren Hoferben, sofern sie das 21. Lebensjahr erreicht haben. Günter Busche meint, mit 54 Jahren sei er inzwischen alt genug, um es auch einmal zu versuchen. Liebend gern möchte er den Silbervogel abschießen, der alle sieben Jahre ausgeschossen wird – vermutlich ist es 2008 wieder soweit.

Rund 413 Jahre alter Ackerhof in zehnter Generation bewirtschaftet

Bauherr war einst Gerichtsvogt Johann Hinrich Pröven / Rund 413 Jahre alter Ackerhof in zehnter Generation jetzt fest in Bernhard Frickes Hand / Im ältesten Haus des Dorfes bestimmen Schwarzbunte den Tagesablauf

Der urkundlich bereits 1593 erwähnte Ackerhof Nr. 9 an der heutigen Landstraße 411 zwischen Sehnde und Hildesheim in Klein Lobke, der einst vom Ackermann Curdt Mummenthey angelegt wurde, zählt zu den ältesten des Dorfes. Nicht ganz so alt ist das dort stehende Niedersachsenhaus, das 1769 seine Prövehof kunstvolle TürenNachfahren Johann Hinrich Pröven und Ehefrau Ilse Margarethe Voges erbauen ließen. Nunmehr gehören Haus und Hof in zehnter Generation Bernhard Fricke (47) und seiner Ehefrau Cornelia (45) geb. Bienek.

Ebenso alt wie das Anno 1769 erbaute Haus sind auch die Kammertüren, deren Täfelung bunte Blumenmuster schmücken.

Das 237 Jahre alte Niedersachsenhaus steht nicht unter Denkmalschutz, so dass es möglich war, die alten Holzfenster stilgerecht durch neue aus Kunststoff zu ersetzen. Ansonsten ist das schmucke Haus äußerlich unverändert geblieben, bis auf ein paar kleinere Ausbesserungen am Fachwerk. Doch aus der Diele und den Kammern sind schmucke Stuben geworden, in denen besonders die uralten Eichenbalken ins Auge fallen. Selbst über 200 Jahre alte Kastenschlösser mit geschmiedeten Riegeln gibt es noch.

Bauherr Johann Hinrich Pröven war nicht nur ein guter Bauer, sondern auch als Gerichtsvogt des Klosters Wienhausen ein angesehener Mann, dessen Rat im Großen Freien geschätzt wurde. Besondere Verdienste erwarb er sich, als um 1767 eine verheerende Viehseuche den Bauern in der Amtvogtei Ilten zu schaffen machte. Als letzter des Namens Pröven gilt Bernhard Frickes Großvater, Albert der Achte genannt, der über 20 Jahre lang Bürgermeister in Klein Lobke war. Anstelle seiner beiden im Zweiten Weltkrieg vermissten Söhne erbte Tochter Irmgard Haus und Hof, die Wilhelm Fricke aus Ellensen geheiratet hatte. Nach ihrem frühen Tod verwaltete ihr Ehemann vorerst das Pröven-Erbe seines Sohnes.

Klein Lobke Prövehof

Mehr als 200 Jahre alt ist dieses schmucke Niedersachsenhaus, das der dem Kloster Wienhausen verpflichtete Gerichtsvogt Johann Hinrich Pröven und Ehefrau Ilse Margarethe geb. Voges auf dem Ackerhof No 9 erbauen ließen. Heute gehören Haus und Hof Bernhard Fricke und Ehefrau Cornelia.

Seit Bernhard Fricke das Zepter in Haus und Hof in der Hand hat, gilt sein Augenmerk vor allem seinen Schwarzbunten, die ihn voll in Anspruch nehmen. Er gehört zu jenen fünf Landwirten im Bereich der Stadt Sehnde, in deren Ställen noch Kühe stehen, bei Frickes sind es 55 nebst zahlreichen Kälbern. Trotz aller moderner Technik Bauer Frickeverbringt er tagtäglich bis sechs Stunden im Kuhstall, sowohl sonntags als auch feiertags. Rund 1000 Liter erstklassige Milch, die er für „nen Appel und en Ei“ weiterverkauft, sind sein Tageslohn, meint er achselzuckend. Trotzdem werde ich, solange ich lebe, mich nicht von meinen Tieren trennen, betont Fricke, dessen Zucht- und Lehrbetrieb weit über die Region hinaus Anerkennung findet.

Stolz ist Bernhard Fricke auf seine Schwarzbunten, die ihm nicht nur Milch, sondern auch gelegentlich ein Kälbchen als Nachwuchs bescheren.

Was später einmal wird, ist ungewiss. Vermutlich wird auch der Name Fricke vom Ackerhof Nr. 9 verschwinden, wie vorher der unserer Vorfahren Mummenthey und Pröven, vermutet Bernhard Fricke, es sei denn, eine meiner drei Töchter behält nach der Heirat ihren Mädchenamen weiter.

Eines Deichgrafen Tochter war die letzte „richtige“ Bäuerin auf Baxmanns Meierhof

An ein Burgtor aus alter Zeit erinnern die beiden mächtigen Silos am Rande der Osterstraße in Lehrte, hinter denen sich ein gut 128 Jahre altes Bauernhaus verbirgt. Erbaut hatte es einst Ernst Friedrich Baxmann, der Dorothee Tenne aus Hannover gefreit hatte, die eine gute Mitgift mit in die Ehe gebracht hatte. Lehrte Baxmann SiloBis vor rund einem halben Jahrhundert dienten die Silos der Silage von Rübenblatt.

Heute lagert in den über zehn Meter hohen Türmen allerlei landwirtschaftliches Gerät, von dem die Baxmanns sich nicht trennen mögen, obwohl der heute73jährige Heinrich Baxmann schon vor über 50 Jahren die Landwirtschaft an den Nagel. gehängt und seine Ländereien verpachtet hat. Letztmalig wurde er 1959 hinter dem Pflug am Rande der Goethestraße gesichtet.

Die riesigen Silos erinnern noch an jene Zeiten, in denen auf Baxmanns Meierhof noch Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden.

Weit älter als das 1876 erbaute elterliche Bauernhaus, in dem jetzt seine Schwester Gisela Nordmann mit Familie wohnt, ist die Sippe der Baxmanns. Es heißt, dass im Verlauf des 30jährigen Krieges ein Versprengter sich im Dorf niedergelassen habe. Ein Fähnrich sei es gewesen, der hier eine Maid gefunden habe und Bauer wurde. Für die Lehrter Bauern war er ein Unbekannter, zumal der Name Baxmann in der Umgebung bisher nicht bekannt war. Den heutigen Meierhof, dass hat Heinrich Baxmann herausgefunden, gab es bereits im 14. Jahrhundert. Die erste Nachricht über einen Meier des heutigen Baxmannhofes stammt aus dem Jahr 1540. Es war Henneke Rickmann, der drei Hufen Domland bewirtschaftete. Hof BaxmannErst 1667 erscheint plötzlich Tiele Baxmann der Ältere im Erbenregister dieses Meierhofes. Dieser Baxmann galt als Vollmeier und hatte drei Hufen Land unter dem Pflug. Das sind etwa 54 Morgen, für die er ein Meiergeld von zehn Reichstalern und 13 Maler Korn jährlich an den Lehnsherrn zu zahlen hatte. Tiele Baxmann, 1559 geboren, war mit Anna Hagemanns (1605-1693) verheiratet.

Baxmann Hof.

Seit dieser Zeit ist der Meierhof, der im Brandkataster die Nr. 18 trägt, in ununterbrochener Erbfolge in der Hand der Baxmanns. Nunmehr ist Heinrich Baxmann Herr von Haus und Hof an der Osterstraße 16. Bereits mit 18 Jahren musste er frisch von der Schulbank (1952) in die Bresche springen, da sein Vater 49jährig verstorben war. Heinrich BaxmannAls Ratgeberin an seiner Seite stand bis zu ihrem Tode Anno 1974 seine Mutter Veronika, von der alte Lehrter sagen, dass eigentlich sie immer die „Hosen“ angehabt habe. Vater Heinrich hatte seine Veronika kennengelernt, als er seinen Freund Wilhelm Wrede besuchte, der in Lehrte sein Baugeschäft aufgegeben und sich am Nordseestrand niedergelassen hatte. Mit einer reich verzierten über 300 Jahre alten Truhe, in der sich neben der Aussteuer auch reichlich Golddukaten befanden, entführte er 1930 die Tochter des Deichgrafen von Wremen nach Lehrte. Aufsehen erregte in der Hochzeitsrunde, als die damals 23jährige Veronika auch ihr Reitpferd mitbrachte, dass sie von ihrem Vater Adolf Sierck nebst Truhe zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte.

Heinrich Baxmann lässt es sich nehmen, stets überall nach dem Rechten zu sehen.

Im Lehrter Dorf heißt es respektvoll, dass des Deichgrafen Tochter die letzte „richtige Bäuerin“ auf dem alten Meierhof gewesen sei, die jederzeit die Zügel fest in der Hand und das Herz auf dem richtige Fleck gehabt habe. Das rassige Reitpferd gibt es nicht mehr, doch die alte Truhe ziert auch heute noch die Diele des alten Bauernhauses.

Binnen und buten dem dorpe Lerthe

Nach einer alten Urkunde „Wat vor Meyers und Köthers in den frigen wonen und weme sse thokome“ gab zunächst in Lehrte acht Meierhöfe, darunter auch jenen der Baxmanns, die allesamt kirchliches Eigentum waren und als Lehen an Edle und Ackerleute vergeben wurden. So überließ das Moritzstift in Hildesheim denen von Escherde bereits am 9. Juli 1294 „lenderyen in lerth“ und Anno 1350 verpachtete das Bartholomäusstift „ein gud in lerth, eynen hove unde kothove binnen und buten dem dorpe“ an die Gebrüder Hans von Schwichelt. Und im Jahr 1361 wird im Güterverzeichnis der Domprobstei Hildesheim vermerkt, dass für den Meierhof „allod Lerthe“ vier Mark Pacht gezahlt werden musste. Darüber hinaus erhält er das Privileg, alljährlich zu Beginn der Erntezeit die Ernteglocke in der Nikolauskirche läuten zu lassen. Heute ist der 73jährige Heinrich Baxmann nicht mehr dem Bischhof in Hildersheim untertan und zahlt auch nicht mehr den Zehnten an die kirchliche Obrigkeit. Seine Vorfahren haben Anno 1820 durch eine einmalige 25fache Zahlung des Pachtzins die Gerechtsame aus der Welt geschafft. Heute kassiert bestenfalls die Stadt Lehrte. lrl

Baxmann alter HofBaxmann Truhe

Ein Schnappschuss auf dem elterlichen Bauernhof in Wremen: Hoch zu Ros Bruder Theodor (links), Deichgraf-Vater Adolf Sierck, Mutter Erna und die junge Veronika. — Eine Zierde auf der Diele des alten Bauernhauses an der Osterstraße ist diese über 300 Jahre alte Truhe, die Veronika mit ihrer Aussteuer aus ihrer Heimat von der Nordseeküste mit nach Lehrte brachte. Ihr Vater, der Wremer Deichgraf Theodor Sierck, hatte ihr das Erbstück geschenkt.

Der Köthenwalder Turm

Mehrfamilienhaus und Restaurant: Geplant von drei Handwerksmeistern im kommunalpolitischem Niemandsland zu Beginn des 20. Jahrhunderts / Schimmel Grimm erinnert sich

Es ist ein markantes Gebäude, der Köthenwalder Turm an der Köthenwaldstraße Nr. 1, den zu Beginn des 20. Jahrhunderts drei Handwerksmeister mit Weitblick im kommunalpolitischem Niemansland zwischen Lehrte und Aligse unter der Hausnummer 136 a aus der Taufe hoben. Laut Bauakte aus dem Jahre 1898 waren dieses der Zimmerermeister Heinrich Schneider aus Linden, der Tischlermeister Knocke aus Hannover und der Maurermeister August Dieckmann aus Aligse. Bauherr und Eigentümer des Grundstücks – das damals noch zu Aligse gehörte – waren Karl Köhler und Ehefrau Frieda.

Der Turm, der unter der Regie von Maurermeister Dieckmann aus dem Boden gestampft wurde, umfaßt sieben Wohnungen in drei Etagen mit ausgebauten Dachhauben sowie eine Gastwirtschaft, die bis zum Jahre 1909 von den Köhlers betrieben wurde. Aber bereits ab 10.12.1908 hatte August Ritter eine Ausschank-Konzession vom Magistrat der Stadt Lehrte erhalte, zumal er inzwischenKöthewalder Turm Eigentümer des gesamten Hauses Köthenwalder Turm geworden war. Ausgeschenkt wurde vom ersten Tag an „Härke“, da Ritter und der Brauereibesitzer H.Härke aus Peine seit langem befreundet waren.

Die Besitzverhältnisse hinsichtlich der im Turm untergebrachten Gastwirtschaft verliefen im Laufe der Jahre etwas verwirrend, so daß nicht im einzelnen nachzuvollziehen ist, wer wann Eigentümer und Chef hinter der Theke war. Laut Bauakten beantragte am 13. August 1909 Albert Tippe als Eigentümer den Ausbau der Schankstube, um am 11. Juli 1910 dort sein Restaurant Köthenwalder Turm zu eröffnen. Zu Beginn der 20er Jahre übernahm dann August Ritter selbst die Gastwirtschaft, die er später seiner Tochter Gunda übergab. Nach ihrem Tod im Jahr 1965 führte ihr Ehemann Wilhelm Gruner einige Jahre selbst die Wirtschaft weiter, in der die Pächter jedoch mehrfach wechselten, obwohl die „Kneipe“ einen guten Ruf hatte.

Der Köthenwalder Turm im ursprünglichen Niemandsland.

Die Eisenbahner nannten sie scherzhaft „Scharfes Eck“, weil sie dort nach Feierabend ohne großen Umwege schnell ein Bierchen zischen konnten, erinnert sich der heute 88jährige Wilhelm Grimm, der im Köthenwalder Turm am 30. April 1913 das Licht der Welt erblickt hatte. Er selbst dürfte wohl als jüngster Besucher des Restaurants gelten, zwar nicht ganz freiwillig, wie er im nachhinein schmunzelnd feststellt. Er war erst wenige Wochen alt, als Eltern und Verwandte mit ihm von der Taufe in der Matthäuskirche zurückkehrten und vor dem Mittagessen sich noch schnell eine flüssige Stärkung in der Turmkneipe genehmigten. Klein Wilhelm, den seine Freude und LSV-Kameraden wegen seiner ehemals blonden Haare liebevoll Schimmel nennen, wurde auf einem Sofa in einem Nebenraum des Gasthauses abgelegt.

Frohgestimmt hatte die Taufgesellschaft nach ein paar Runden (oder waren es Stunden?) bei Kümmel und Bier das Wirtshaus verlassen und war die Treppen zur Turmwohnung hinaufgestiegen, um sich das Taufmahl schmecken zu lassen. Alle guckten sich fragend an, zumal sie schon ziemlich tief ins Glas geguckt hatten, Wilhelm Grimmals Mutter Friederike plötzlich wissen wollte, wo denn Klein Willi sei. Vorhin war er noch da, meinte Wilhelm, der stolze Vater. Niemand konnte sich genau erinnern. Gemeinsam ging auf sie Suche. Beim Turmwirt fand man schließlich den Täufling, friedlich schlafend auf dem Sofa, dort, wo man ihn hingelegt und vergessen hatte. Aus diesem Grunde – so Schimmel Grimm – ginge er auch heute noch gern zum Turm, um dort eine kühle Blonde zu kippen und in Erinnerungen zu kramen.

Wilhelm Grimm ist im Köthenwalder Turm geboren.

Im Laufe der Jahre wechselten die Besitzer des Turms, der seit 1974 einer Erbengemeinschaft gehörte, zu der auch die Hannoveranerin Thea Sieverling zählte. Doch inzwischen hat sie ihre Miterben ausgezahlt und ist seit 1980/81 alleinige Eigentümerin des Hauses Köthenwalder Turm Nr. 1.

Von außen machte das Wohnhaus einen ganz passablen Eindruck, aber auch ansonsten sind die Mieter im großen und ganzen zufrieden. Es gibt in allen Wohnungen Badezimmer und Toiletten, nur der frühere Garten mit den Obstbäumen mußte Garagen weichen. Natürlich hätten sie gegen eine weitere Modernisierung des Hauses nichts dagegen, nichts Halbherziges, wie zum Beispiel der Anstrich der Fassade, der nur die Hälfte des Wohnhauses umfaßt. Zu mehr war die Brauerei nicht bereit, erzählt Susanne Hanke, die junge Wirtin des „Turms“, die dort bereits sein sieben Jahren nicht nur für ein gut gezapftes „Härke“ garantiert, sondern auch für erfreulich frischen Wind sorgt. Einmal im Monat gibt’s neben geistigen Getränken auch geistige Nahrung in Form von Musik, Lyrik und Theater, eine gute Mischung, die immer zahlreicher unter Jung und Alt Anklang findet.

Pfarrhaus in Sehnde

Es knistert und knackt im Gebälk des 180 Jahre alten Pfarrhauses / Pastor Hombach hielt sein Versprechen nicht / Pastorin Paul verwaltet 240 qm Wohnfläche und einen 4.000 qm großen Garten

Man könnte stundenlang zuhören, so spannend ist es, wenn Pastorin Susanne Paul von der Sehnder Kreuz-Kirchen-Gemeinde mit lebhaften Gesten erzählt, was sie alles über das alte Pfarrhaus an der Mittelstraße erfahren hat. Seit nunmehr zehn Jahren ist sie mit ihrer Familie dort zuhause, solange, wie keine Pastorenfamilie im vergangenen 20. Jahrhundert vor ihr. Anfangs war es schon etwas unheimlich, wenn es im Gebälk knisterte und in den Lehmwänden des jetzt 180 Jahre alten Fachwerkhauses knackte, gibt sie zu. Vor allem, als die Kinder noch klein waren und ein Steinmarder irgendwo auf dem Boden rumorte. Heute löst kein Mäuschen mehr eine Panik aus, obwohl es noch immer eine ganze Menge davon im Pfarrhaus gibt.

Bereits in der 70er Jahren des 18. Jahrhunderts diskutierte der Kirchenvorstand über den Neubau eines neuen Pfarrhauses, da das alte zusammenzubrechen drohte. Doch dann entschloss man sich, das baufällig Gebäude noch einmal zusammen zu flicken, zumal die Gemeinde nicht so gut bei Kasse war, da der Neubau der Kirche erst 30 Jahre zurück lag. Das geht aus einem corpus bonorum hervor, das einige Hinweise des damaligen Pastors Albrecht enthält. Anno 1806 – so schreibt er – entschied sich die Gemeinde schweren Herzens doch für ein neues Haus. Aber es dauerte immerhin noch 16 Jahre, bis genügend Geld dafür vorhanden war. Um den Neubau finanzieren zu können, hatte die Gemeinde ein Grundstück am Pfarrholz für rund 800 Thaler an die Sehnder Kötner Christoph Klünder und Wilhelm Borsum verkauft, die bereits als Pächter das Land urbar gemacht und als Ackerland genutzt hatten.

Pfarrhaus

Es macht Spaß, der Pastorin Susanne Paul zuzuhören, wenn sie die Geschichte des rund 180 Jahre alten Pfarrhauses erzählt, in dem sie nunmehr seit gut zehn Jahren ihres Amtes waltet.

Das neue Pfarrhaus wurde 1822 gerichtet und zügig fertiggestellt, so dass Pastor Homburg mit seiner Familie endlich einziehen konnte. Homburg, der schon eine Zeitlang provisorisch in Sehnde untergebracht war, hatte bei seinem Amtsantritt lauthals verkündet, dass er der Gemeinde ex propriis 600 Thaler zum Bau des Pfarrhauses schenken wolle. Da sich aber seine „Wartezeit“ solange hinausgeschoben hatte, glaubte er, sein Versprechen nicht mehr halten zu müssen. Er sei arm wie eine Kirchenmaus, erklärte er plötzlich. Das erboste Kirche und Gemeinde derart, dass sie sich an das Königliche Consistorium in Hannover wandten. Dem wortbrüchigen Pastor wurde von höchster Stelle angeraten, zumindest 300 Thaler an die Gemeinde zu zahlen. Homburg zahlte nicht. Stattdessen ließ er Fenster und Türen sowie einiges mehr am Neubau nach seinem Geschmack herrichten und stellte dafür der Gemeinde 200 Thaler in Rechnung. Damit hatte er sich ein weiteres mal in die Brennnesseln gesetzt. Schließlich waren alle froh, als das Königliche Consistorium den ungeliebten Pastor bereits gegen Michaelis in die Nähe von Gifhorn versetzte. Die noch verbleibenden hundert Thaler blieb er der Gemeinde schuldig. Sein Nachfolger solle beim Einzug ins neue Pfarrhaus den Rest zahlen, ließ die Gemeinde wissen, bevor er nach Leiferde übersiedelte. Es ist nicht überliefert, ob dieser die Schulden seines Vorgängers getilgt hat. Vermutlich ist die Gemeinde darauf sitzen geblieben. Natürlich hat es auch in den nachfolgenden Jahren Radau im Pfarrhaus gegeben, aber harmlosen, hauptsächlich ausgelöst von den vielen Kindern, die dort das Licht der Welt erblickten. Erinnert sei nur an Pastor Beer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Sehnde amtierte und allein mit seiner ersten Frau 13 Kinder hatte. Ein volles Haus hatte nach dem Zweiten Weltkrieg auch Pastor Ernst, Paul, Otto Gödemeister, der jahrelang zahlreichen Flüchtlingen Unterkunft gewährte, so dass zeitweilig dort bis zu 48 Personen wohnten.

Mit Pastor Heie Focken Erchinger kam in den vergangenen 50er Jahren wieder Ruhe ins Haus, so dass Pastorenfamilie Susanne und Matthias Paul geordnete Verhältnisse vorfand, als sie 1992 in das unter Denkmalschutz stehende Pfarrhaus einzog. Allerdings findet die Pastorin das Pfarrhaus mit rund 240 qm Wohnfläche doch etwas zu groß für die heutigen Verhältnisse. Natürlich ist sie froh, dass ihre beiden Töchter eigene Zimmer haben und sie selbst aus ihrer Küche schnell ins Pfarramt huschen kann, wenn ein Gemeindeglied an die Tür klopft. Auch freut sie sich über das geräumige Wohnzimmer, in dem sich die Familie besonders zur Winterszeit gern um den Kamin versammelt. Aber trotzdem meint sie, alles in allem wäre ein bisschen weniger Hausarbeit doch sehr angenehm. Das meint auch ihr Ehemann Matthias Paul, der sozusagen beruflich als Pastor Gast im alten Pfarrhaus ist, da seine „Schäflein“ in der Paulusgemeinde in Burgdorf weiden.

Übrigens wurde das Pfarrhaus Anno 1822 nicht auf den Grundmauern des alten errichtet, sondern näher an die Straße gerückt. Die nach dem Abriss des maroden Gebäudes frei werdende Fläche wurde dem Garten zugeschlagen, so dass die Pauls auch heute noch rund 4.000 Quadratmeter „zu beackern“ haben. In früheren Zeiten war so viel Pfarrland von großer Bedeutung. Damals, so steht es in alten Kirchenakten, ließ Pastor Albrecht zum Preis von 12 Thalern und 14 Groschen Obstbäume und Beerensträucher pflanzen sowie Rabatten und Spargelfelder anlegen, denn die Erträge des Pfarrgartens zählten ja zum Lohn des Pfarrers. Heute sind die Pauls froh, wenn Gemeindeglieder mithelfen, Obst und Gemüse zu ernten, denn allein schaffen sie es nicht. Vor allem Zwetschen gibt’s alljährlich im Überfluss.

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