Kam mit den Klußmanns das Lehrter Bier ins Dorf?

Aus Tanzboden und Pferdestall wurden Wohnungen/ Sohn Jörg wohnt jetzt im Niedersachsenhaus

Nicht zu übersehen ist der stattliche Bauernhof im Schnittpunkt der Landstraßen nach Sehnde und Ilten, insbesondere das aus solidem Fachwerk bestehende über 160 Jahre alte Wirtschaftsgebäude, in dem Heinrich Wilhelm Klußmann einmal in Ruhe alt werden wollte. Inzwischen hat er es sich aus wirtschaftlichen Gründen anders überlegt. Erbaut hatte das Haus anno 1845 Heinrich Klußmann, der zehn Jahre zuvor Dorathee Richelmann aus der Stillen Gasse zur Frau genommen hatte. Heute kräht kein Hahn mehr auf dem Bauernhof, da der künftige Erbe, Dr. agr. Heinrich Wilhelm der Achte in der Klußmannschen Ahnenreihe, seinen geerbten landwirtschaftlichen Betrieb aus Platzgründen nach Erichsegen verlegt hat. Inzwischen haben auch Elke und Heinrich Klußmann das alte Niedersachsenhaus geräumt und sind ihrem Sohn nach Erichsegen gefolgt, um dort im Grünen eines Tages ihren Lebensabend zu beschließen.

Giebelinschrift des 1845 von Heinrich Klußmann und Ehefrau Dorathee erbauten Bauernhauses

Giebelinschrift des 1845 von Heinrich Klußmann und Ehefrau Dorathee erbauten Bauernhauses.

Weiterlesen

Auch im Großen Freien hat so manches alte Haus sein kleines Geheimnis

Endlich ist es soweit: Rechtzeitig zu Weihnachten erscheinen die von Lothar Rolf Luhm Auch im Großen Freien hat so manches alte Haus sein kleines Geheimnis.recherchierten Berichte zu denkmalgeschützten bzw. erhaltungswürdigen Häusern in der Region Hannover als „gesammelte Werke“ in einem von der Volksbank-Lehrte-Stiftung geförderten Buch.

Auch im Großen Freien hat so manches alte Haus sein kleines Geheimnis

Das durchgehend farbig gestaltete Werk (ca. 20 x 26 cm) umfaßt 36 von inzwischen rund 200 Objekten. Die Artikel wurden nochmals überarbeitet und aktualisiert sowie viele Fotos neu angefertigt. Die Auswahl richtet sich nach dem Einzugsbereich der VBL-Stiftung, also Lehrte und Sehnde inkl. vieler Ortsteile. Für Nachschub der Reihe sorgt nicht nur das umfangreiche Archiv, sondern das große Potential in der Region — jeden Monat werden außerdem Vorschläge für weitere Höfe, Villen, Kirchen oder Industrieanlagen an Luhm herangetragen.

Deneke-Jöhrens und Lothar Rolf Luhm bei der Buchvorstellung

Deneke-Jöhrens (VBL-Stiftung) und Lothar Rolf Luhm bei der Buchvorstellung

Das Buch liegt zunächst in einer Auflage von 1.000 Exemplaren vor und ist zum Preis von 18,95 Euro in den Filialen der Volksbank in Lehrte und Sehnde erhältlich. Da der Autor auf sein Honorar verzichtet, kommt der Gewinn kommt in vollem Umfang der Stiftung und deren Arbeit zu Gute.

Weiterlesen

Aufsteigende Kraniche und fleißige Bauarbeiter unter Denkmalschutz

Außergewöhnlich und einmalig in Lehrte

Sie sind gerade erst 50 Jahre alt und stehen trotzdem bereits unter Denkmalsschutz: Aufsteigende Kraniche am Haus Feldstraße Nr. 34 und fleißige Bauarbeiter am Haus Nr. 26 an der Wilhelmstraße in Lehrte. Gemeint ist eine außergewöhnliche Fassadengestaltung in Sgraffitto.

Diese aus der italienischen Baukunst stammende Kratzarbeit ist nicht nur schmückendes Beiwerk, so Amtsleiter Thomas Reinert von der Lehrter Bauaufsichtsbehörde, sondern auch künstlerisch wertvoll und das Ortsbild prägend. Gebaut wurden die Mehrfamilienhäuser Anfang der 50er Jahre unter Aufsicht der Niedersächsischen Heimstätte. Heute gehören sie der Lehrter Wohnungsbau GmbH, die bei der Modernisierung der Häuser besonderes Augenmerk auf die „zerkratzten Fassaden“ gelegt hat.
Der Name des Künstlers, der die für Lehrte einmaligen Kraniche und Bauhandwerker geschaffen hat, ist weder dem Bauherrn noch der Stadtverwaltung bekannt. In den Bauakten ist er nicht vermerkt.

Lehrte KranicheLehrte Bauarbeiter

Aufsteigende Kraniche an der Feldstraße und fleißige Bauhandwerker an der Wilhelmstraße. Sie schmücken nicht nur die Fassaden, sondern sind auch einmalig in Lehrte und Ortsbild prägend, bestätigt Thomas Reinert von der Lehrter Bauaufsichtsbehörde. Die Sgraffitto-Arbeiten stehen unter Denkmalschutz.

Als die Schweden plündernd ins Dorf kamen

Ein verwitterter Grabstein bringt es an den Tag / Jürgen Rust war als Voigt und Altermann im Großen Freien hoch geachtet

Jahrhunderte alte Grabsteine sind oftmals eine in Stein gemeißelte Ortschronik, wie jener verwitterte, der seit 1960 in die Kirchenwand der alten Nicolauskirche eingemauert ist. Einst schmückte der rund 330 Jahre alte Stein die Grabstätte von Jürgen Rust, die sich im Schatten der Nicolauskirche auf dem alten Friedhof befand. Nach rund 500 Jahren wurde der Gottesacker am 1.Januar 1858 geschlossen. Er musste der Dorferneuerung weichen und Platz machen für neue Hofstellen und die heutige Osterstraße, über die derzeit pausenlos Autos rollen. Mit der Einebnung verschwanden auch die Grabsteine. Sie wurden verbaut, zerschlagen oder irgendwo abgelegt, bis auf einige wenige, zu denen auch das eindrucksvolle Monument des Untervoigts Jürgen Rust gehört, der ab 1617 auch Altermann der Kirchengemeinde war.

Mit etwas Geduld lassen sich Hieroglyphen auf dem Granitblock entziffern, die kundtun, dass „All hie liegt begraben, Jürgen Rust, welcher in Anno 1587 in diese Welt geboren. In seinem 19. Jahr hat er sich zum ersten Mahl in den Standt der Heiligen Ehe begeben. A.O. 1617 ist er dieser Kirchen Altermann worden und dasselbige Amt verwaltet 48 Jahr. A.O. 1637 ist er dieses Orts Untervagt worden und dasselbige verwaltet 27 Jahr. A. O. 1664 den 18. Octobris ist er in Gott seligen Schaffens seines Alters 77 Jahr …attey an 25 Capittel – Ey, frommer und getreuer Knecht, Du bist über wenige Getreuen gewesen. Ich will Dich über viele setzen. Gehe ein zu Deines Herren Freude.“

Lehrte Kirche

Jahrhunderte alte Grabsteine sind oftmals eine in Stein gemeißelte Ortschronik, wie jener verwitterte, der seit 1960 in die Kirchenwand der alten Nicolauskirche eingemauert ist.

Geht man dieser Inschrift nach, kommt man zum Vollmeierhof an der Osterstraße Nr. 11, einem ehemaligen Lehnsbesitz deren von Ruthenberg, der bereits seit 1540 zum Familienbesitz der Familie Rust gehört. Hier hat vermutlich der Anno 1664 Verstorbene ebenso wie sein Vater, der hochgeschätzte Bartoldt Rust, das Licht der Welt erblickt. Der Bauernhof fiel Anno 1884 einem Feuer zum Opfer. Doch die Rustens verzagten nicht. Sie errichteten 1887 ein neues Haus aus solidem Stein, in dem heute die Familie Rust ihren verdienten Feierabend genießt.

Ein farbenprächtiger Stammbaum schmückt die Diele des einstigen Bauernhauses und eine bebilderte Chronik gibt Auskunft von der Geschichte des Hofes, in die uns der jetzige Hofbesitzer Jürgen Rust einen Einblick gewährte. Kötner und Reihenstellenbesitzer namens Rust gehörten bereits ab 1350 unter Hans von Schwiechelt zum „gud lerthe“. Als die Ländereien später in die Obhut der Adelsfamilie von Ruthenberg kamen, ist bereits von Jürgen Rust die Rede, der als Lehnsmann im Großen Freien großes Ansehen genoss. Abschriften von Urkunden und Auszüge aus Kirchenbüchern lassen erkennen, dass sowohl Bartoldt Rust als auch sein Sohn Jürgen unendlich viel für die Fortentwicklung des Dorfes Lehrte getan haben. Im Mittelpunkt stand allerdings stets der eigene Besitz, der aus zwei verschiedenen Lehnshöfen entstanden ist und seit Jahrhunderten im Brandkataster unter der Hofnummer 11 an der heutigen Osterstraße Nr. 11 geführt wird.
Wie der Grabstein verkündet, war Jürgen Rust nicht nur Altermann der Kirchengemeinde, sondern sorgte auch ab 1637 als Untervoigt in der Gemeinde für Recht und Ordnung. Besonders gefordert war er um 1641/42, als die Schweden aus dem Sarstedter Lager nach Lehrte kamen, plünderten und Menschen schikanierten. Vor allem auf den beliebten Küster Christoph Lange hatten sie es abgesehen. Jürgen Rust, so ist es verbrieft, war es zu verdanken, dass Kirche und Bauernhöfe erhalten blieben. 1648 nach Friedensschluss war es sein Verdienst, dass gerechte örtliche Besitzverhältnisse geschaffen und eine Neuordnung über Lehnware, Weinkaufgeld, Hofzins und Dienstgeld zum ehemaligen bischöflichen Grundherrn geklärt wurden. Verständlich, dass noch Jahrzehnte nach seinem Tod mit großer Hochachtung vom „alten Voigt“ gesprochen wurde, der im Oktober 1664 von Pastor Klinkerfuß zur letzten Ruhe geleitet worden war.

Heute erinnert nur noch die Hofstelle Nr. 11 an die einst so einflussreiche Sippe. Tochter Ulrike ist nach Berlin „ausgewandert“ und seine Söhne Dirk und Björn haben andere Berufsziele, so dass der letzte Rust namens Jürgen sich bereits vor gut zehn Jahren entschloss, das Ackern, Sähen und Pflügen aufzugeben, die Ländereien zu verpachten und die landwirtschaftlichen Räume in gewerblich umzuwandeln. Übrig geblieben ist ein zufriedener Rentner und eine schöne Fassade, die nicht nur der Osterstraße zur Zierde gereicht.

Grabstein Jürgen RustInschrift des Grabsteins,
der unmittelbar am Kircheneingang eingemauert ist. So gut es ging wurden die „Runen“ entziffert:All hie liegt begraben, Jürgen Rust welcher in Anno 1587 in diese Welt geboren. In seinen 19. Jahr hat er sich zum ersten Mahl in den Standt der Heiligen Ehe begeben.
A.O. 1617 ist er dieser Kirchen Alterman worden und dasselbige Amt verwaltet48 Jahr.
A.O.1637 ist er dieses Orts Untervagt worden und dasselbige verwaltet 27 Jahr.
A.O.1664 sen 18.Octobris ist er in Gott seligen Schaffens seines Alters 77 Jahr.
.attey an 25 Capittel Ey Du frommer und getreuer Knecht , Du bist über wenige Getreuen gewesen. Ich will Dich über viele setzen.
Gehe ein zu Deines Herren Freude.

 

Anmerkung: Die Inschrift des Grabsteins ist wörtlich notiert. Daher auch im Text: Nicht Altarmann, sondern Altermann, was in etwa Dorfältester bedeutet.

Heinrich Molsen erbaute einst das Leibzuchthaus

Seit mehr als 300 Jahren gehört es zum ehemaligen Klosterhof

Man sieht es dem schmucken Fachwerkhaus an der heutigen Marktstraße 39 a in Lehrte nicht an, dass es bereits rund 300 Jahre auf dem Buckel hat. Ein Verdienst des jetzigen Eigentümers Hans-Henning Molsen. Er hat das Leibzuchthaus, das sein Vorfahr Heinrich Molsen Anno 1712 an der einstigen Mühlenstraße 2 a erbauen ließ, stets mit viel Liebe und noch mehr Geld gepflegt hat, obwohl es ihm manchmal ein Dorn im Auge war und einst seiner Hoferweiterung im Wege stand. Heute steht es als Ortsbild prägend und kulturhistorisch wertvoll unter Denkmalschutz.

Molsen

Das Haus war ursprünglich für Hofarbeiter gedacht, die für den Bauern in die Bresche springen mussten, wenn der König seine Getreuen zu den Fahnen rief.

Die Familie Molsen kam Mitte des 17. Jahrhunderts von Haverlah bei Ringelheim, wo sie selbst einen Meierhof besaß, nach Lehrte. Hans-Henning Molsen weiß zu berichten, dass sein heutiger Hof einst ein Klosterhof war, der dem Hildesheimer Kloster Zur Sülte gehörte, wie aus einer Urkunde aus dem Jahr 1147 hervorgeht. Doch seit 1668 gehört der Hof der Familie Molsen. Oswald Molsen der Ältere hatte ihn von seiner Tante Kracke, eine geborene Molsen, nach dem Tode ihres Mannes geerbt. Sein Sohn Heinrich Molsen, der 1678 in Lehrte das Licht der Welt erblickte, und den man auch Hinrich oder Hindrick nannte, war mit Ilse Rust verheiratet, einer Tochter des Jürgen Rust. Dieser Hinrick war ein schlaues Kerlchen. Er legte für seine Familie ein Haus- und Registerbuch an, das Einblick in die Wirtschaftslage der damaligen Zeit gibt und auch sonst noch wertvolle Hinweise aus dem Dorfgeschehen enthält. Er kam auch auf die Idee mit Leibzuchthaus.

Damals, als es noch Brauch war, dass die freien Bauern zu besonderen Anlässen dem König als Soldat dienen oder aber Ersatz stellen mussten, ließ Heinrich das Leibzuchthaus errichten. Es war keineswegs als Altersruhsitz vorgesehen, und auch kein Mietshaus für Soldaten oder Offiziere, sondern war ausschließlich für jene Landarbeiter gedacht, die auf dem Molsen-Hof arbeiteten und im Bedarfsfalle für den Bauern Molsen zu den Fahnen eilen mussten, wenn der König Soldaten benötigte. MolsenAuch als dieser Brauch nicht mehr Sitte war, blieb das Haus bis in die heutige Zeit nur jenen vorbehalten, die mit dem Hof Molsen irgendwie verbunden waren. Heute wird es von Elisabeth Turek allein bewohnt, seit ihr Bruder Georg, der in Lehrter Fußballspielerkreisen nur Toni gerufen wurde, tödlich verunglückte.

Hans Henning Molsen scheut keine Mühe, um das Leibschutzhaus zu erhalten, obwohl es ihm eigentlich im Wege steht.

Auf den erste Blick sieht man es dem Fachwerkhaus nicht an, dass es auch an Altersbeschwerden leidet. Frische Farbe bedeckt so manchen Riss im Mauerwerk und im Gebälk kracht es mitunter auch bedenklich, erzählt Hans-Henning Molsen. Er betrachtet sein Erbstück mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Natürlich ist es schön, altes Kulturgut zu bewahren, zumal es auch für die Ortsgeschichte von Bedeutung ist, meint er. Er hat das Innenleben des Hauses immer wieder aufgefrischt, eine Wasserleitung legen und auch eine Toilette einbauen lassen. Hin und wieder auch für frische Farbe gesorgt. Geheizt wird allerdings wie zu Urgroßvaters Zeiten – mit einem alten Kanonenofen. Doch aus eigener Tasche will er künftig keine müde Mark mehr rausrücken, erklärt er. Jetzt sei die Untere Denkmalschutzbehörde am Zuge, denn man könne es ihm nicht zumuten, etwas immer wieder aufs neue etwas aufzupäppeln, was ihm eigentlich im Wege ist. Vielleicht finden sich auch Sponsoren, die ein Schärflein zur Imagepflege Lehrtes beisteuern möchten. Immerhin dürfte das Leibzuchthaus eines der ältesten der Kernstadt sein.
Lothar Rolf Luhm

Seiten: < 1 2 3 4 5 6 7 >