Altbauer Wicken-Thies wusste es im Voraus

Plötzlich brannte das halbe Dorf lichterloh

Kaum jemand in Uetze weiß, wer der alte Hoopfchen Hinrichs war, von dem es hieß, dass er ebenso wie Altbauer Wicken-Thies ein zweites Gesicht habe und so manches voraus sagen konnte. Doch in alten Aufzeichnungen heißt es, dass es Wicken-Thies war, der er auf einer Hochzeitsfeier am 21. April 1863 bei Meier-Hennigs an der Schmiedestraße den verblüfften Hochzeitsgästen prophezeit hatte, dass Uetze heute noch brennen würde. Und tatsächlich brach wenige Stunden später ein Feuer aus. Es war durch Funkenflug beim Ziegentränken im Hause des Brinksitzers Nr. 131 am Westende des Dorfes entstanden und hatte sofort auch die Gehöfte von Willi Felleschrader, Ernst Sattler und Eckbäcker Wieter erfasst. Innerhalb einer knappen Stunde brannte das halbe Dorf lichterloh.

Heinrich Bauermeister und Marie Detteborn Anno 1862

Ein Schmuckstück für die Schulstraße ist das alte 2-Ständer-Haus, in das Heinrich Bauermeister und Marie Detteborn Anno 1862 nach ihrer Hochzeit einziehen wollten. Doch der Dielenbalken mit der Jahreszahl 1862 trügt, denn der Zimmerermeister war im Verzug geraten und konnte das Gebälk erst 1863 aufstellen, zum Glück, denn sonst wäre von dem Haus anderntags kaum noch etwas übrig geblieben.

Neben Vieh und Hausrat fanden auch zwei Menschen den Tod – die Frau eines Lumpensammlers und ein 75jähriges Fräulein, das bei Pastor Schreiber in Pension wohnte. Sie war noch einmal ins brennende Pfarrhaus zurückgelaufen, vermutlich, um ihre Geldbörse zu retten. Patronatsherr Hofrat von Lüneburg konnte sie im letzten Augenblick über eine Leiter aus dem Flammenmeer retten. Was sie danach tat ist ungewiss. Man fand sie später in Nähe des Pfarrhauses erstickt und halb verbrannt, doch in der verkohlten Hand hielt sie fest verkrampft noch zehn „Pistolen in Gold“.

Auch heute noch hat das Dorf einige Narben, die von dem großen Brand herrühren, der 555 Einwohner obdachlos machte und 84 Gehöfte, 25 Nebengebäude, die Wassermühle, zwei Schulen, das Haus des Küsters und auch die erst vor 25 Jahren erbaute KircheGedenktafel zur Brandkatastrophe in Schutt und Asche legte Der Feuersturm soll so gewaltig gewesen sein, dass Aktenstücke aus der Pfarre sowie ein handgroßes Stück Speck bis zum Dorf Eddenbüttel, also 18 Kilometer von Uetze entfernt, gewirbelt wurden.

Ein Gedenkstein vor der Kirche soll an das große Feuer erinnern, das am 21. April 1863 fast das ganze Dorf in Schutt und Asche legte. Allerdings musste dieser Tage Ratsherr Herbert Kaiser erst wucherndes Efeugestrüpp entfernen, damit die Gedenktafel wieder zum Vorschein kam.

Groß war nach diesem Inferno die Not im Dorf, zumal auch die Lebensmittel knapp wurden und die nächste Ernte erst in drei Monaten begann. Dank der schnellen Nachbarschaftshilfe konnte das Leid vermindert werden. Gerät, Kleider, Viehfutter und auch 3600 Goldmark wurden gespendet. Allein aus der Ortsschatulle der Gemeinde Hänigsen kamen 1500 Mark, je 300 Mark kamen aus Oelerse, Dollbergen und aus der Stadt Nienburg. Aus Dendenhausen kamen 464 Mark. Ein Fräulein Aßmann aus Harburg schickte 387 Mark. Nicht zu vergessen viele kleinere Spenden, insbesondere jene der Lüneburgsches GesangbuchSchulkinder aus Oberg, die 27 Groschen und fünf Pfennige zur Anschaffung von Schulbüchern an das Amt Burgdorf überwiesen.

Königin Marie verteilte 100 Louisdore, um die Not der Abgebrannten zu lindern und König Georg V. von Hannover hatte zum Trost neben Bibeln auch Lüneburgsche Gesangbücher mitgebracht. Ein solches Gesangbuch mit Goldschnitt und Ledereinband besitzt auch der Uetzer Ratsherr Herbert Kaiser. Es ist ein Geschenkt seiner Tante Anneliese Thies.

Das hannoversche Kriegsministerium hatte am Tag nach dem Feuer 80 Zelte und 500 Decken den Notleidenden zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wurden 60 Uetzer Burschen vom Militärdienst auf Heimaturlaub geschickt, um beim Aufräumen zu helfen.

 

Auch in Burgdorf gab es einen Mann namens Wicken-Thies
Ein Gedenkstein erinnert an eine Tragödie, die Uetze vor fast 150 Jahren heimsuchte. Einige hundert Jahre zuvor war es die Pest, die um Johanni 1626 für 366 Einwohner tödlich endete Im Dreißigjährigen Krieg waren es die herumstreifenden Kaiserlichen, die immer wieder plündernd ins Dorf einfielen, aber um 1627 auch einmal von Uetzer Bauern eine Tracht Prügel erhielten und ihre Beute zurücklassen mussten.
Geblieben ist die Erinnerung, an zwei alte Männer im Dorf, die so manches voraus sagen konnten. Einige sagen, es sei Hoopfchen Hinrichs gewesen, der den großen Brand in Uetze vorausgesagt haben. Doch die meisten schwören auf den Altbauer Wicken-Thies. Ob der Uetzer Altbauer ein Nachfahre des Burgdorfer Schusters ist, der rund hundert Jahre zuvor auch Wicken-Thies genannt wurde und bereits in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts als Mann mit dem zweiten Gesicht von sich reden machte, lässt sich urkundlich nicht nachweisen. Auf jeden Fall schwören alte Uetzer, dass „ihr Wicken-Thies“ ein Altbauer ihres Dorfes gewesen sei.

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