Pfarrhaus in Sehnde

Es knistert und knackt im Gebälk des 180 Jahre alten Pfarrhauses / Pastor Hombach hielt sein Versprechen nicht / Pastorin Paul verwaltet 240 qm Wohnfläche und einen 4.000 qm großen Garten

Man könnte stundenlang zuhören, so spannend ist es, wenn Pastorin Susanne Paul von der Sehnder Kreuz-Kirchen-Gemeinde mit lebhaften Gesten erzählt, was sie alles über das alte Pfarrhaus an der Mittelstraße erfahren hat. Seit nunmehr zehn Jahren ist sie mit ihrer Familie dort zuhause, solange, wie keine Pastorenfamilie im vergangenen 20. Jahrhundert vor ihr. Anfangs war es schon etwas unheimlich, wenn es im Gebälk knisterte und in den Lehmwänden des jetzt 180 Jahre alten Fachwerkhauses knackte, gibt sie zu. Vor allem, als die Kinder noch klein waren und ein Steinmarder irgendwo auf dem Boden rumorte. Heute löst kein Mäuschen mehr eine Panik aus, obwohl es noch immer eine ganze Menge davon im Pfarrhaus gibt.

Bereits in der 70er Jahren des 18. Jahrhunderts diskutierte der Kirchenvorstand über den Neubau eines neuen Pfarrhauses, da das alte zusammenzubrechen drohte. Doch dann entschloss man sich, das baufällig Gebäude noch einmal zusammen zu flicken, zumal die Gemeinde nicht so gut bei Kasse war, da der Neubau der Kirche erst 30 Jahre zurück lag. Das geht aus einem corpus bonorum hervor, das einige Hinweise des damaligen Pastors Albrecht enthält. Anno 1806 – so schreibt er – entschied sich die Gemeinde schweren Herzens doch für ein neues Haus. Aber es dauerte immerhin noch 16 Jahre, bis genügend Geld dafür vorhanden war. Um den Neubau finanzieren zu können, hatte die Gemeinde ein Grundstück am Pfarrholz für rund 800 Thaler an die Sehnder Kötner Christoph Klünder und Wilhelm Borsum verkauft, die bereits als Pächter das Land urbar gemacht und als Ackerland genutzt hatten.

Pfarrhaus

Es macht Spaß, der Pastorin Susanne Paul zuzuhören, wenn sie die Geschichte des rund 180 Jahre alten Pfarrhauses erzählt, in dem sie nunmehr seit gut zehn Jahren ihres Amtes waltet.

Das neue Pfarrhaus wurde 1822 gerichtet und zügig fertiggestellt, so dass Pastor Homburg mit seiner Familie endlich einziehen konnte. Homburg, der schon eine Zeitlang provisorisch in Sehnde untergebracht war, hatte bei seinem Amtsantritt lauthals verkündet, dass er der Gemeinde ex propriis 600 Thaler zum Bau des Pfarrhauses schenken wolle. Da sich aber seine „Wartezeit“ solange hinausgeschoben hatte, glaubte er, sein Versprechen nicht mehr halten zu müssen. Er sei arm wie eine Kirchenmaus, erklärte er plötzlich. Das erboste Kirche und Gemeinde derart, dass sie sich an das Königliche Consistorium in Hannover wandten. Dem wortbrüchigen Pastor wurde von höchster Stelle angeraten, zumindest 300 Thaler an die Gemeinde zu zahlen. Homburg zahlte nicht. Stattdessen ließ er Fenster und Türen sowie einiges mehr am Neubau nach seinem Geschmack herrichten und stellte dafür der Gemeinde 200 Thaler in Rechnung. Damit hatte er sich ein weiteres mal in die Brennnesseln gesetzt. Schließlich waren alle froh, als das Königliche Consistorium den ungeliebten Pastor bereits gegen Michaelis in die Nähe von Gifhorn versetzte. Die noch verbleibenden hundert Thaler blieb er der Gemeinde schuldig. Sein Nachfolger solle beim Einzug ins neue Pfarrhaus den Rest zahlen, ließ die Gemeinde wissen, bevor er nach Leiferde übersiedelte. Es ist nicht überliefert, ob dieser die Schulden seines Vorgängers getilgt hat. Vermutlich ist die Gemeinde darauf sitzen geblieben. Natürlich hat es auch in den nachfolgenden Jahren Radau im Pfarrhaus gegeben, aber harmlosen, hauptsächlich ausgelöst von den vielen Kindern, die dort das Licht der Welt erblickten. Erinnert sei nur an Pastor Beer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Sehnde amtierte und allein mit seiner ersten Frau 13 Kinder hatte. Ein volles Haus hatte nach dem Zweiten Weltkrieg auch Pastor Ernst, Paul, Otto Gödemeister, der jahrelang zahlreichen Flüchtlingen Unterkunft gewährte, so dass zeitweilig dort bis zu 48 Personen wohnten.

Mit Pastor Heie Focken Erchinger kam in den vergangenen 50er Jahren wieder Ruhe ins Haus, so dass Pastorenfamilie Susanne und Matthias Paul geordnete Verhältnisse vorfand, als sie 1992 in das unter Denkmalschutz stehende Pfarrhaus einzog. Allerdings findet die Pastorin das Pfarrhaus mit rund 240 qm Wohnfläche doch etwas zu groß für die heutigen Verhältnisse. Natürlich ist sie froh, dass ihre beiden Töchter eigene Zimmer haben und sie selbst aus ihrer Küche schnell ins Pfarramt huschen kann, wenn ein Gemeindeglied an die Tür klopft. Auch freut sie sich über das geräumige Wohnzimmer, in dem sich die Familie besonders zur Winterszeit gern um den Kamin versammelt. Aber trotzdem meint sie, alles in allem wäre ein bisschen weniger Hausarbeit doch sehr angenehm. Das meint auch ihr Ehemann Matthias Paul, der sozusagen beruflich als Pastor Gast im alten Pfarrhaus ist, da seine „Schäflein“ in der Paulusgemeinde in Burgdorf weiden.

Übrigens wurde das Pfarrhaus Anno 1822 nicht auf den Grundmauern des alten errichtet, sondern näher an die Straße gerückt. Die nach dem Abriss des maroden Gebäudes frei werdende Fläche wurde dem Garten zugeschlagen, so dass die Pauls auch heute noch rund 4.000 Quadratmeter „zu beackern“ haben. In früheren Zeiten war so viel Pfarrland von großer Bedeutung. Damals, so steht es in alten Kirchenakten, ließ Pastor Albrecht zum Preis von 12 Thalern und 14 Groschen Obstbäume und Beerensträucher pflanzen sowie Rabatten und Spargelfelder anlegen, denn die Erträge des Pfarrgartens zählten ja zum Lohn des Pfarrers. Heute sind die Pauls froh, wenn Gemeindeglieder mithelfen, Obst und Gemüse zu ernten, denn allein schaffen sie es nicht. Vor allem Zwetschen gibt’s alljährlich im Überfluss.

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