Kam mit den Klußmanns das Lehrter Bier ins Dorf?

Aus Tanzboden und Pferdestall wurden Wohnungen/ Sohn Jörg wohnt jetzt im Niedersachsenhaus

Nicht zu übersehen ist der stattliche Bauernhof im Schnittpunkt der Landstraßen nach Sehnde und Ilten, insbesondere das aus solidem Fachwerk bestehende über 160 Jahre alte Wirtschaftsgebäude, in dem Heinrich Wilhelm Klußmann einmal in Ruhe alt werden wollte. Inzwischen hat er es sich aus wirtschaftlichen Gründen anders überlegt. Erbaut hatte das Haus anno 1845 Heinrich Klußmann, der zehn Jahre zuvor Dorathee Richelmann aus der Stillen Gasse zur Frau genommen hatte. Heute kräht kein Hahn mehr auf dem Bauernhof, da der künftige Erbe, Dr. agr. Heinrich Wilhelm der Achte in der Klußmannschen Ahnenreihe, seinen geerbten landwirtschaftlichen Betrieb aus Platzgründen nach Erichsegen verlegt hat. Inzwischen haben auch Elke und Heinrich Klußmann das alte Niedersachsenhaus geräumt und sind ihrem Sohn nach Erichsegen gefolgt, um dort im Grünen eines Tages ihren Lebensabend zu beschließen.

Giebelinschrift des 1845 von Heinrich Klußmann und Ehefrau Dorathee erbauten Bauernhauses

Giebelinschrift des 1845 von Heinrich Klußmann und Ehefrau Dorathee erbauten Bauernhauses.

Der erste Klußmann, so hat es die im 94.Lebensjahr 1966 verstorbene Großmutter Frieda Klußmann vom Lehrter Klünderhof in akkurater deutscher Schrift rückblickend in einem Tagebuch vermerkt, war um 1779 von Wülferode nach Lehrte gekommen und hatte eine Witwe Krüger geheiratet, die am Westende 1 einen Bauernhof besaß. Damit legte er den Grundstein zum Köthnerfamilie Klußmann, die durch weitere Heiraten immer größeren Einfluss im Dorf bekamen. Der Sohn aus dieser Ehe – Johann Heinrich genannt – heiratete später die gut betuchte Nachbarstochter Ilse, Magdalene, Eleonore Rust, die ihren elterlichen Bauernhof mit in die Ehe brachte.

Der nächste in der Ahnenreihe, der 1811 geborener Sohn Heinrich, konnte aus dem Vollen schöpfen. Er ließ Wohnhaus und Stallungen abreißen und neue errichten. Davon kündet heute noch eine Balkenschrift, die Anno 1845 Zimmermeister Heine in den Dielenbalken des Wirtschaftsgebäudes geschnitten hat. Heinrich Klußmann besaß auch eine Schankkonzession, wie aus einem Erlass des Königlichen Amtsgerichts Burgdorf hervorgeht. Er durfte nicht nur Schnaps brennen, sondern auch Bier brauen und ausschenken. Konkurrenzlos, zu jener Zeit im Lehrter Dorf. Im Brandkataster Nr. 43 erhielt der Hof den Beinamen Brauers, vermutlich als Hinweis auf das Braurecht.

Blättern wir weiter in Großmutters Notizbuch, in dem ihre Vorfahren bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit den Eintragungen begonnen haben, erfahren wir, dass es im 1845 erbauten Wirtschaftsgebäude bereits ein Gastwirtschaft mit einem Ausschank an der Seitenwand gab, so dass Durstige ihr Bierchen oder Klaren bestellen konnten, ohne das Haus betreten zu müssen. Darüber hinaus befand sich über den neuen Viehställen ein Tanzboden, auf dem gelegentlich ein Musikant zum Tanz aufspielte. Auch an eine Kegelbahn war vorhanden. Das Lehrter Bier muss den Klußmann reichlich Geld in die Kasse gebracht haben, obwohl der Monatslohn für Mägde und Knechte damals höchstens fünf Mark betrug.

Front- und Seitenansicht des Hofes Klußmann.

Front- und Seitenansicht des Hofes Klußmann, in dem noch bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Tanz aufgespielt wurde.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Bier ausgeschenkt und auf dem Stallboden das Tanzbein geschwungen, weiß der jetzige Hofbesitzer Heinrich Wilhelm Klußmann zu erzählen. Die Konzession erlosch, als sein Großvater um 1896 seiner Tochter Agathe nebenan ein Haus erbaute und ihr die Gastwirtschaft Zum Großen Freien als Hochzeitsgeschenk mit Wilhelm Scheverling vermachte. Übrigens muss der zweimal verheiratete Großvater gut bei Kasse gewesen sein, vermutet Heinrich Klußmann, denn er besaß zwei Rennpferde, die er zusammen mit den Pferden seines Freundes Herrmann Manske von einem gemeinsamen Trainer auf Trab hielt.

Das Haupthaus an der Straße Westende 1, inzwischen unter Einbeziehung des alten Fachwerks stilgerecht restauriert, ist heute eines der schönsten im alten Dorf. Aus dem Tanzboden und Pferdestall sind drei moderne Wohnungen geworden.
Mit etwas Wehmut haben die Eheleute Klußmann von ihrem alten Bauernhof in Lehrte Abschied genommen, aber rund 300 m² Wohnfläche für einen 2-Personen-Haushalt waren auf die Dauer Ehefrau Elke doch zu viel, mit Ausnahme an jenen Ferientagen, an dem ihre vier Kinder mit ihren Familie zu Besuch kamen. Deswegen hat sie auch freudig zugestimmt, als ihr heute 70jähriger Ehemann vorschlug, den Altväterlichen Wohnsitz ihrem jüngsten Sohn Jörg und seiner Familie zu überlassen und nach Erichsegen „auszuwandern“.

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