Heinrich Molsen erbaute einst das Leibzuchthaus

Seit mehr als 300 Jahren gehört es zum ehemaligen Klosterhof

Man sieht es dem schmucken Fachwerkhaus an der heutigen Marktstraße 39 a in Lehrte nicht an, dass es bereits rund 300 Jahre auf dem Buckel hat. Ein Verdienst des jetzigen Eigentümers Hans-Henning Molsen. Er hat das Leibzuchthaus, das sein Vorfahr Heinrich Molsen Anno 1712 an der einstigen Mühlenstraße 2 a erbauen ließ, stets mit viel Liebe und noch mehr Geld gepflegt hat, obwohl es ihm manchmal ein Dorn im Auge war und einst seiner Hoferweiterung im Wege stand. Heute steht es als Ortsbild prägend und kulturhistorisch wertvoll unter Denkmalschutz.

Molsen

Das Haus war ursprünglich für Hofarbeiter gedacht, die für den Bauern in die Bresche springen mussten, wenn der König seine Getreuen zu den Fahnen rief.

Die Familie Molsen kam Mitte des 17. Jahrhunderts von Haverlah bei Ringelheim, wo sie selbst einen Meierhof besaß, nach Lehrte. Hans-Henning Molsen weiß zu berichten, dass sein heutiger Hof einst ein Klosterhof war, der dem Hildesheimer Kloster Zur Sülte gehörte, wie aus einer Urkunde aus dem Jahr 1147 hervorgeht. Doch seit 1668 gehört der Hof der Familie Molsen. Oswald Molsen der Ältere hatte ihn von seiner Tante Kracke, eine geborene Molsen, nach dem Tode ihres Mannes geerbt. Sein Sohn Heinrich Molsen, der 1678 in Lehrte das Licht der Welt erblickte, und den man auch Hinrich oder Hindrick nannte, war mit Ilse Rust verheiratet, einer Tochter des Jürgen Rust. Dieser Hinrick war ein schlaues Kerlchen. Er legte für seine Familie ein Haus- und Registerbuch an, das Einblick in die Wirtschaftslage der damaligen Zeit gibt und auch sonst noch wertvolle Hinweise aus dem Dorfgeschehen enthält. Er kam auch auf die Idee mit Leibzuchthaus.

Damals, als es noch Brauch war, dass die freien Bauern zu besonderen Anlässen dem König als Soldat dienen oder aber Ersatz stellen mussten, ließ Heinrich das Leibzuchthaus errichten. Es war keineswegs als Altersruhsitz vorgesehen, und auch kein Mietshaus für Soldaten oder Offiziere, sondern war ausschließlich für jene Landarbeiter gedacht, die auf dem Molsen-Hof arbeiteten und im Bedarfsfalle für den Bauern Molsen zu den Fahnen eilen mussten, wenn der König Soldaten benötigte. MolsenAuch als dieser Brauch nicht mehr Sitte war, blieb das Haus bis in die heutige Zeit nur jenen vorbehalten, die mit dem Hof Molsen irgendwie verbunden waren. Heute wird es von Elisabeth Turek allein bewohnt, seit ihr Bruder Georg, der in Lehrter Fußballspielerkreisen nur Toni gerufen wurde, tödlich verunglückte.

Hans Henning Molsen scheut keine Mühe, um das Leibschutzhaus zu erhalten, obwohl es ihm eigentlich im Wege steht.

Auf den erste Blick sieht man es dem Fachwerkhaus nicht an, dass es auch an Altersbeschwerden leidet. Frische Farbe bedeckt so manchen Riss im Mauerwerk und im Gebälk kracht es mitunter auch bedenklich, erzählt Hans-Henning Molsen. Er betrachtet sein Erbstück mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Natürlich ist es schön, altes Kulturgut zu bewahren, zumal es auch für die Ortsgeschichte von Bedeutung ist, meint er. Er hat das Innenleben des Hauses immer wieder aufgefrischt, eine Wasserleitung legen und auch eine Toilette einbauen lassen. Hin und wieder auch für frische Farbe gesorgt. Geheizt wird allerdings wie zu Urgroßvaters Zeiten – mit einem alten Kanonenofen. Doch aus eigener Tasche will er künftig keine müde Mark mehr rausrücken, erklärt er. Jetzt sei die Untere Denkmalschutzbehörde am Zuge, denn man könne es ihm nicht zumuten, etwas immer wieder aufs neue etwas aufzupäppeln, was ihm eigentlich im Wege ist. Vielleicht finden sich auch Sponsoren, die ein Schärflein zur Imagepflege Lehrtes beisteuern möchten. Immerhin dürfte das Leibzuchthaus eines der ältesten der Kernstadt sein.
Lothar Rolf Luhm

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