Puppen-Rust im Lehrter Stadtpark: Wo einst auch Schafe blökten

Das Fachwerk ist rund 173 Jahre alt, doch das äußere Gewand ist neu und gut gepflegt. Ein Verdienst des Lehrter Männerchors von 1867, der im Frühjahr 1985 die Schirmherrschaft über die ehemalige Dorfscheune im Stadtpark übernahm, die zwar nicht  unter Denkmalschutz steht, aber unbestritten schutzwürdig ist. Mit Hilfe der Sänger verwirklichte Lehrtes ehemaliger Stadtdirektor Dr. Axel Saipa hier eine Vision, die das jetzige schmucke Fachwerkhaus, das ursprünglich Heimatmuseum werden sollte, zu einem kulturellen Mittelpunkt der Stadt Lehrte werden ließ.

Fachwerkhaus im Stadtpark

Fachwerkhaus im Stadtpark war mal eine Scheune

Früher stand die ehemalige Scheune im Lehrter Dorf. Friedrich Rust und Sophia Nöhren hatten sie anno 1836 anstelle ihrer dort abgebrannten von Zimmermeister Wilhelm Bödecker aus Dolgen errichten lassen. Das besagt die Inschrift, die der Meister in den Giebelbalken eingeschnitten hat „: Am 29ten Januar spät sieben Uhr, zeigt sich verderbt des feuers  Spur, drey Gebäude wurden desselben Raub, in Asche verwandelt und zu Staub. Schüz segne Vater diesen Bau, und führ uns stets auf grüner Au”.

Heute ist dieser Rustsche Hof aus dem alten Lehrter Dorf verschwunden. Geblieben ist die Erinnerung an den Stammvater dieser Familie – Bartold Rust, der als Voigt und bevorzugter Lehnsmann derer von Ruthenbergs auch die Befugnisse hatte, den Gesamtbesitz des Grundherrn nach eigenem Ermessen zu teilen und weiterzuverpachten. Mit seinen drei Meierhöfen und zehn Kothöfen – die er weiterverpachtet hatte- galt Bartold Rust als der reichste und auch als einflussreichste Mann des Ortes, der über ein Drittel des Dorfes verfügte. In Lehrte gab es zu dieser Zeit 40 Hofstellen, von denen dreizehn Bartold Rust gehörten.

Die Nachfahren von Bartold Rust, und es gab gar viele in und um Lehrte, konnten das Ererbte später nicht mehr in dem bisherigen Maße vergrößern. Das Gegenteil war der Fall. So erging es auch jenem im Dorfe als Puppen-Fritze bekannten Friedrich Rust, der den einst von Friedrich Rust und Sophia Nöhre bewirtschafteten Bauernhof geerbt hatte. Nach und nach musste alles verkauft werden. Als letzter landwirtschaftlicher Besitz der Familie galt der Reichshof, in dem zeitweilig ein Lichtspieltheater untergebracht war. Lange Zeit gab es dort auch  zwischen Hagenstraße und Lindenberg einen Verbrauchermarkt, der aber inzwischen geschlossen hat – hoffentlich nur vorübergehend.

Dort stand auch die alte Scheune, aus der während des Zweiten Weltkrieges ein Schafstall geworden war, der Puppen-Fritzes Tochter Ilse Pietsch gehörte. Sie veräußerte den Scheune-Schafstall 1946 an Ernst Bödeker, der ihn in seiner damaligen Baumschule in Nähe des Markscheiderweges aufstellen ließ. Später verkaufte Bödeker das Fachwerk an die Stadt Lehrte, die es der Maurer-Innung übergab. Deren Lehrlinge errichteten daraus im  Stadtpark das heutige Fachwerkhaus im Stil eines niedersächsischen Bauernhauses.Ein trefflich gelungenes Meisterstück. Das war Anno 1950.

Als man jetzt die auf dem Dachboden der Schule an der Masch ausgelagerten Museumsstücke dort ausstellen wollte, hatten Motten und Mäuse diese derart zerfressen, dass der übrig gebliebene Rest nicht mehr des Ansehens wert war. Einige Jahre blieb das Haus ungenutzt. Zeitweise dienten die unteren Räume als Jugendtreffpunkt, während das Obergeschoß 1958 dem damaligen Stadtangestellten Paul Müller als Wohnung zur Verfügung gestellt wurde, der jahrelang auch darauf achtete, dass das  ansonsten unbewohnte Haus nicht beschädigt wurde.

Vorübergehend fand dann die städtische Bücherei im Fachwerkhaus eine Bleibe. Manchmal hielt das Gesundheitsamt hier auch Mütterberatungen ab und Realschule sowie Gymnasium nutzten gelegentlich die leerstehenden Räumen für schulische Zwecke. Ansonsten aber überließ man das Haus dem Zahn der Zeit, was Stadtdirektor Saipa, der auch ein leidenschaftlicher Freizeit-Trompeter war, gar nicht gefiel. Ihm gelang es schließlich, den Lehrter Männerchor für das Haus zu interessieren, der sich 1985 bereit erklärte, die Schirmherrschaft für 50 Jahre mietfrei zu übernehmen.

In rund 4500 ehrenamtlichen Arbeitsstunden  – die Stadt stellte 270 000 Mark für Material zur Verfügung – haben die Sänger im Laufe der Jahre das Haus renoviert, Toiletten, Foyer und Küche in einem stilgerecht neu geschaffenem Mittelstück untergebracht und so dafür gesorgt, dass das Haus zu einem kulturellen Mittelpunkt wurde. Liederabende, Dichterlesungen und vielerlei Konzerte finden seither  hier statt, dank der Initiative des ehemaligen Lehrter Stadtdirektors Axel Saipa, der einstmals auch für das Fachwerkhaus kräftig ins Horn stieß, an einem Trompenten-Soloabend, der noch heute über die Stadtgrenzen hinaus ein lautstarkes Echo findet.

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